Fahrradtour Potsdam – Paris – Saint Malo

Veröffentlicht unter Allgemein

Im Herbst 2013 habe ich mit einem – ab dann – ehemaligen Kommilitonen einen Ausflug der besonderen Art gemacht: wir schwangen uns in die Sättel und fuhren von Potsdam nach Saint Malo, Frankreich. Eine Strecke von insgesamt ca. 2300km lag vor uns (meine längste „Tour“ vorher war keine 20km lang). Aber viel wichtiger: wenige Tage vor Beginn der Reise haben wir beide erfolgreich unsere mündlichen Prüfungen abgelegt und das Studium hinter uns gelassen. Und bevor es dann losging mit dem „echten“ Leben, wollten wir noch einmal richtig Urlaub machen.

Also Fahrradtaschen geliehen, Equipment ergänzt und los ging’s. Mein Fahrrad ist – glaube ich – nicht für derartige Touren und Gepäck ausgelegt. Aber: wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Zur Not habe ich zwei Paar Bremsblöcke und zwei Schläuche besorgt, das Fahrradwerkzeug, das es mal als Werbegeschenk gab, wurde auch eingepackt. Dann noch ein bisschen Proviant, Wäsche, Kultur (inkl. eines Romans, den ich nicht ein einziges Mal angeschaut habe), Kochgeschirr und Gaskocher in die Radtaschen. Schlafsack, Isomatte und Badelatschen landeten in einem Kentersack quer oben drüber. Alles schön fixiert mit Spanngurten. Zusätzlich hatte ich noch eine Lenkertasche dabei mit Sofort-Proviant (Schoko- und Müsliriegel) und Platz für Handy, Portemonnaie und Co.

Bergig bis herzlich

Der Blick aus dem Zelt: es regnet.Durch die Brandenburger Natur, die (besonders mit defekter Bremse!) bergiger ist als man es von einer Gegend, die sich selten über 100m erhebt, erwarten würde, arbeiteten wir uns Richtung Thüringen und Bayern. Die geplanten 100km am Tag schafften wir nicht immer, besonders als es dann Richtung Mittelgebirge ging. Die erste Woche war selten so richtig trocken, denn das Wetter wollte sich noch nicht auf uns einschießen. Deshalb wurde auch bereits nach ca. 500km mein Zelt ausgetauscht; es hatte den Wettertest nicht bestanden. Das alte hinterließ ich mit der Aufschrift „Sommerzelt zu verschenken“ an einem Zeltplatz.

Bulgarische Stube bei JenaUnter anderem wegen des regnerischen Wetters gönnten wir uns bald eine Nacht in einer Gaststätte vor Jena. Die Bulgarische Stube (Foto rechts) war ein Erlebnis für sich: der Gastwirt hieß uns unglaublich herzlich Willkommen. Noch bevor wir richtig ankamen, durften wir schon unsere völlig durchnässten Zelte und die feuchten Schlafsäcke in seiner privaten Garage aufhängen. Unser sehr schönes und günstiges Zimmer bot alles, was wir brauchten: vor allem eine Dusche und zwei Betten. Vorm und nach dem Essen, das wir unten zu uns nahmen, unterhielten wir uns mit dem Inhaber Lyubomir Milev. Leider ist in letzter Zeit nicht viel bei ihm los, weil immer mehr Menschen direkt in dem knapp 5-10km entfernten Jena wohnen. Wer das hier also liest und vielleicht mal dort vorbei kommt, sollte sich in der Bulgarischen Stube blicken lassen.

Sight-Ignoring

Leider sorgte das nasskalte Wetter dafür, dass wir nicht besonders ambitioniert waren, was das Sightseeing der passierten Städte anging. Wir fuhren den Saale-Radweg fast komplett bis zum Ende, aber wie gesagt fehlte die Motivation zum Innehalten. So war ich nun zwar schon einmal in Lutherstadt Wittenberg, ohne aber die prachtvolle Stadtkirche aus der Nähe gesehen zu haben, bin durch Halle an der Saale gefahren, ohne mehr als die Tramlinie und die Sparkasse an derselben zu kennen, und weiß auch von den sonstigen Ortschaften recht wenig.

Biber in Saalfeld auf dem CampingplatzAußer: es gibt Biber (links im Bild)! Und offensichtlich Fische, denn in Saalfeld trafen wir auf dem Zeltplatz einen passionierten, pensionierten Angler. Da dieser sehr ausgeglichen und gesprächig war (anders als man es wohl von einem Klischee-Angler erwartet), war sein Angelurlaub wohl auch mehr als eine Ausflucht von zuhause. Daraus und aus seinen Berichten schließe ich auf reichhaltige Fischvorkommen. Auf dem selben Campingplatz haben wir aus Versehen den WC-Schlüssel mitgehen lassen; aber sobald wir das bemerkten, ist er natürlich sofort per zurück zu seinem Besitzer gereist. Mit einer Postkarte aus dem Schwarzwald.

Sobald wir das Mittelgebirge überwunden hatten, wo es dann wirklich hügelig war, ging es auch mit dem Wetter bergauf. Meine Bremse war mittlerweile längst gerichtet, sodass ich endlich normal fahren konnte. …und ich dachte schon, ich wäre einfach zu untrainiert, dass ich immer hinterher hechelte. Plötzlich fuhr es sich so leicht! So schafften wir auch locker unsere angepeilten 100km und gönnten uns deshalb auch wieder eine Nacht in einem Fremdenzimmer. Dieses Mal landeten wir in einer Metzgerei und erlebten aus sicherer Entfernung fast eine waschechte Schlägerei von Dorfbewohnern.

Go West: Alles andere als friedliche Umstände

Ab Bayreuth, wo wir unseren Kurs gen Westen änderten, war die Sonne mit uns. Auch ein Zwischenfall mit fast fatalen Folgen konnte nichts an den dann grundsätzlich guten Bedingungen ändern; bei einer der vielen Abfahrten auf unbefestigten Wegen hatte es sich ein etwa faustgroßer Stein in den Kopf gesetzt, eine Liaison mit meiner hinteren Felge einzugehen. Der Rahmen kam wohl dazwischen und war über die neue Situation derart erbost, dass er die spontane Liebelei recht abrupt beendete, die Felge mit einer deftigen Beule aus dem Streit ging und mit eben dieser die hintere Bremse blockierte.

Um wenigstens den Weg aus der Wildnis bis zum nächsten Fahrradladen zu überstehen, musste die Beule weg. Also: Spanngurte lösen, Kentersack ab, Fahrradtaschen ab, Fahrrad auf die Seite legen. Anschließend habe ich mit meiner Aluminium-Trinkflasche, die nun ebenfalls recht ramponiert ist, wie ein Berserker die Beule bearbeitet. Das Ergebnis: ich konnte immerhin ein bisschen fahren, die Bremse schliff dennoch weiter an der Felge. Egal, als Provisorium muss es erstmal reichen. Also: Fahrradtaschen wieder ran, Kentersack wieder rauf, Spanngurte ran.

Notfall im Wald

Das wäre fast das jähe Ende unserer Tour gewesen… wäre da nicht ein sehr alter, sehr freundlicher Landwirt auf seinem sehr alten, sehr lauten Trecker um die Ecke gekommen. Chance ergriffen, Trecker angehalten und einen ziemlich erstaunten bayerischen Landwirt um Hilfe gebeten. Ob er denn einen Hammer hätte. Hatte er. Also von vorn: Spanngurte ab, Kentersack weg, Radtaschen ab, Fahrrad auf die Seite – und ordentlich den Hammer schwingen. In Folge dieser Sonderbehandlung schliff die Bremse nicht mehr und trotz der knapp 30kg, die auf dem Hinterrad lasteten, fuhr ich weiter. Bis zum Ende der Tour, über 1000km weit! Den angepeilten Fahrradladen habe ich nie besucht.

Über einen Besuch in Baden-Baden bei guten Freunden ging es dann quer durch die Champagne weiter in Richtung Paris. Die Berge dort machten uns zu schaffen, dafür können wir nun behaupten, dass wir Champagner gegessen haben. Wir fuhren direkt durchs Ernte-/Lesegebiet, wo auch gerade Hochbetrieb war. Die meisten Erntehelfer jubelten uns aufmunternd zu, wenn wir völlig aus der Puste und auf unglaublich unwegsamem Gelände an ihnen vorbei hechelten. Außerdem haben wir unter freiem Himmel abseits der Zivilisation (Campingplätze eingeschlossen) geschlafen. Fast aufrecht, denn das ist der Vorzug eines Campingplatzes: er ist ebenerdig. Dennoch ist Wildcampen aufregend, günstig und man ist unabhängig. Denn auf den nicht immer gut beschilderten Fahrradrouten ist es auch nicht ganz selbstverständlich, in einem passenden Radius einen Campingplatz oder eine vergleichbare Bleibe zu finden. Selbst ist der Mensch.

Paris, je t’aime: Cité d’amour

Paris EiffelturmParis war mein persönliches Highlight der Tour. Ich habe noch nie eine so wunderschöne Stadt gesehen. Praktisch jede Straßenecke sieht aus wie ein Motiv auf einem Kunstwerk, überall erwarten einen Überraschungen, prunkvolle Kathetralen, gemütliche Ecken, unglaublich viele Waschsalons, dafür aber auch Cafés und Bars und….. ich lasse die Liste lieber unvollständig. Einfach großartig.

Wir nächtigten in einem Hostel namens „Love & Peace“, das schlicht am günstigsten und wahrscheinlich auch am lautesten war. Wenn es mehr mit dem Namen zu tun hätte als eine Garage, würde ich es nicht hier schreiben… Jedenfalls landeten wir in einem Dreierzimmer im 5. Stock. Nachdem wir unsere Räder im Keller, was eigentlich ein Kofferzimmer direkt hinter der Hausküche ist, unter der Rezeption, was eigentlich eine Bar direkt an der Erlebnismeile ist, untergestellt hatten, trugen wir unser Gepäck – wie gesagt, gut 30kg – nach oben. Nicht ganz einfach in den engen Treppenhäusern, die so typisch für Pariser Architektur sind. Das Zimmer teilten wir mit Matt, einem ganz netten, wenn auch nicht besonders kommunikativen texanischen Austauschstudenten. Darin enthalten: Ein Etagenbett (3 Stockwerke), ein Waschbecken und eine Dusche auf insgesamt etwa 6 Quadratmetern. Jeder Leser mit rudimentären Mathematikkenntnissen fragt sich jetzt: „Wie soll das gehen?“ Diese skurrile Rechnung geht in dem Moment auf, in dem man ergänzt, dass die Dusche in die Wand gegenüber der Betten eingelassen ist. Und sie hat Plexiglaswände. Ähnlich muss es in den 13-Bett-Zimmern aussehen. So viel zu peace und love.

Einen ganzen Tag liefen wir in Paris umher, genossen die gute Stimmung und das warme Wetter (Anfang Oktober gut 15°C). Natürlich machten wir dieses Mal auch an den Sehenswürdigkeiten Halt. Nachdem wir den ganzen Tag von Paris Nordost entlang an der Bastille und Notre Dame bis zum Eiffelturm gelaufen waren, gönnten wir uns für die Rückfahrt die U-Bahn. Sehr ungewohnt übrigens, einen ganzen Tag ohne zwei Räder und tretende Bewegungen der Beine zu verbringen.

Is this the way to Saint Malo?

Von da aus waren es dann noch etwas weniger als 400km bis nach Saint Malo, wir planten also 4 Tage ein. Dort erwartete uns eine Bekannte von meinem Mitfahrer. Aus unerfindlichen Gründen verrechneten wir uns, was das vereinbarte Ankunftsdatum in Saint Malo anging, denn wir dachten, es sei Donnerstag. Am Mittwoch. So standen wir am dritten Tag nach Paris vor folgendem Dilemma: Entweder, wir könnten nicht bei der Dame – ich nenne sie mal Aurélie – übernachten und sie praktisch gar nicht sehen, weil sie über das Wochenende verreisen würde. Oder wir fuhren noch am selben Tag den Rest der Strecke. Das Oder klang wegen der Konsequenzen der Option A netter. Allerdings hatte auch diese Option B einen Haken (sonst wäre es ja kein Dilemma): Wir trafen diese Entscheidung um 19:00 Uhr abends, nachdem wir schon 90km gefahren waren. Und es fehlten noch 100km.

Saint Malo Ortsschild bei NachtAber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wir fuhren und fuhren, es wurde immer dunkler, doch die gute Busch+Müller Lampe meines Kollegen erwies uns ihren Dienst. Wir weihten mal wieder eine neu markierte Straße ein, als wir schon die Lichter von Saint Malo sehen konnten. Und trotzdem fuhren wir noch eine weitere Stunde bei Nieselregen, bis wir schließlich gegen 2:30 Uhr bei Aurélie ankamen. Irgendwie erschöpft, aber einfach zu froh, sie zu sehen. Also plauderten wir noch bis in die frühen Morgenstunden, tauschten alte Erinnerungen aus (mein Kollege und Aurélie) bzw. lernten uns kennen.

Das war das offizielle Ende der Fahrradtour – ab dann verbrachten wir noch 2 tolle Tage mit Aurélie und ihrem Freund in Saint Malo. Wir sahen uns die Stadt an – schöne Innenstadt, ehemalige Festung, Yachthafen, Weltkriegsdenkmal -, kochten, redeten viel auf deutsch, englisch und französisch und genossen die Zeit. Schließlich fuhren wir mit dem Zug zurück nach Berlin.

Ende

Eine grandiose Tour, die so viele Eindrücke hinterlässt, dass man sie gar nicht in Worte fassen kann. Ich habe abgesehen von der Verbesserung meines Schulfranzösisch so viel gelernt; zum Beispiel kenne ich nun den Wert zuckerhaltiger Zwischenmahlzeiten. Normalerweise meide ich süße Speisen, doch wenn man seit 10km bergauf fährt und der Beinakku streikt, wirkt ein Schokoriegel tatsächlich Wunder. Unmittelbar schießt wieder Energie durch die Muskeln und man radelt fröhlich weiter.

Seit unserer Rückkehr habe ich schon sehr oft gehört: „Das ist aber eine tolle Sache. Das würde ich auch gern einmal machen!“ Darauf entgegne ich dann immer: „Tu es.“ Denn das ist das wichtigste, was ich gelernt habe: Man erlebt Dinge nur für sich selbst. Und nur, wenn man es eben einfach tut. Klingt einfach, ist aber so.